Eine 40-jährige Erfolgsgeschichte

von 23. Oktober 2020Reportagen

Nach 40 Jahren zieht sich Therese Ruch aus dem aktiven Geschäft von Woodwork AG zurück und geht in die Früh-Pensionierung. Sie will künftig mehr Zeit mit der Familie verbringen. Von „Ruhestand“ ist kaum die Rede. „Ich werde meinen Mann Andy auch in seinen neuen Projekten begleiten“, sagt sie. Die Woodwork AG mit heute gegen 50 Mitarbeitenden wurde von den beiden gegründet und aufgebaut.

„Wir waren von Anfang an ein Dream-Team“, blicken Andy und Therese Ruch zurück. Die Erfolgsgeschichte begann im weit abgelegenen „Neumatthüsli“ in Wasen, einem einstigen Bauernhaus, das den Eltern von Andy Ruch gehört hatte. Die Familie war allerdings in den Kanton Aargau gezogen, wo Andy und seine Geschwister aufwuchsen. Nach der Schule kehrte er ins Emmental zurück.

Während sich seine Therese Ruch hauptsächlich um die wachsende Familie mit den drei Söhnen kümmerte, ging der gelernte Möbelschreiner seiner Arbeit nach und hegte zuhause Schafe, Ziegen und später Rinder. Den Kopf hatte er voller neuer Ideen. 1980 machte er sich als Schreiner selbständig, schon damals mit den umsichtigen Händen von Therese im Hintergrund. Das Geschäft im Innenausbau wuchs. Nebenbei bildete sich Andy Ruch weiter, besuchte unter anderem Führungskurse. Das Ehepaar schaute sich nach etwas Grösserem und Zentralerem um. 1984 kauften sie den „Tubel“, den einstigen Fensterbau in Huttwil und direkt an der Grenze zu Eriswil. Der „Tubel“ wurde stetig ausgebaut und modernisiert – immer nach demselben Prinzip: Andy Ruch fand neue Tätigkeitsgebiete, verfolgte neue Ideen, Therese Ruch führte diese in die Zielgeraden. Beides war nötig. Die Rezession der 1990er-Jahre hatte auch diese Branche gebeutelt. Der alte „Schärme“ wurde für den neuen Betriebszweig, die Lohn-Lackierei, in ein Spritzwerk umfunktioniert. Andy Ruch ging unter die Pioniere. Er war schweizweit der Erste, der im Industriebereich den umweltfreundlicheren lösungsmittelfreien Wasserlack verwendete.

Dank Initiative eine Lücke gefüllt

Viele Gross-Schreinereien gingen damals Konkurs. Auch zwei Auftraggeber der Tubel-Schreinerei und -Lackiererei wurden ein Opfer der Rezession. Zahlreiche Schreiner eröffneten daraufhin ihre eigenen kleinen Werkstätten. Mit der Leistenproduktion, die in kleinen Werkstätten nicht möglich war, entdeckte Andy Ruch ein neues Wirkungsfeld. 1997 entschied er, selbst Leisten zu fabrizieren. In der Folge wurde die Holzprofil GmbH gegründet. Für die Ruchs bedeutete dies, sich nach einem neuen, mindestens 80 m langen Standort umzusehen. Im Huttwiler Industriegebiet, auf dem Bauland der Burgergemeinde, entstand im Jahr 2000 die 94 Meter lange und 30 Meter breite Halle der inzwischen neu gegründeten Woodwork AG. Der Betrieb hatte eine riesige Entwicklung erlebt, die sich nun fortsetzte. Jährlich wurde die Leistenproduktion um rund 15 % gesteigert.

Nach wie vor war die Oberflächenbehandlung eine „Spezialität“ der Woodwork AG. Andy und Therese Ruch bezwangen immer wieder neue Hürden, wurden unter anderem von der damaligen Bank Huttwil hervorragend unterstützt. Die Plausibilität ihrer Vorhaben leuchtete ein. Mit Recht – die neuen Ideen, die Risikobereitschaft und die Geschäftsdisziplin, dazu die korrekte und gleichwohl familiäre Betriebsführung zahlten sich aus.

Durch die Oberflächenbehandlungen für eine Akustikfirma stiess Andy Ruch auf einen weiteren Betriebszweig. Akustikplatten, die im Spritzwerk der Woodwork AG behandelt wurden, verunreinigten immer wieder den Lack, weil sich Sägemehl und Staubrückstände in den Rillen und Löchern befanden. Andy Ruch entwickelte eine neue Fabrikation, mit welcher diese Verunreinigungen vermieden werden konnten. Ausserdem konnten die Platten künftig zehnmal schneller fabriziert werden. Die Maschine, die nach seiner Idee extra dafür hergestellt wurde, liess er patentieren. Weitere Maschinen, unter anderem eine Werkzeug-Schleifmaschine, wurden in der Woodwork AG gemeinsam mit einem Geschäftspartner entwickelt und in Betrieb genommen; ohne Patentierung: „Die Technik, die sich bewährt, muss man zur Verfügung stellen, damit sie auch anderen dient“, stellt Andy Ruch fest.

Ein Denker und eine Unterstützerin

Er blieb der Denker, der Entwickler, der Initiant, seine Frau Therese die Unterstützerin und wie immer diejenige, die eine „Linie“ in die Ideen und Tüfteleien brachte. Ihre Fähigkeiten ergänzen sich hervorragend.

Rechtzeitig befassten sie sich mit der Nachfolgeregelung. Der mittlere Sohn Christoph lernte ebenfalls Möbelschreiner, zeigte schon in seinen Jugendjahren Interesse für den Betrieb. 2000 trat er als 20-Jähriger in die Firma ein und packte mit Weiterbildungskursen und einem einjährigen Führungskurs seinen beruflichen Rucksack weiter. Inzwischen ist auch seine Frau Monika Ruch im Unternehmen tätig. Thomas, der Kaufmann, und Daniel, der „Mechaniker“ und gelernte Technische Spielwarenverkäufer, trafen hier später ebenfalls auf ein breites Wirkungsfeld, das ihnen, ihren Ausbildungen und ihren Fähigkeiten Raum gibt. 2009 fiel der Entscheid, dass die drei Söhne die Firma übernehmen werden. 2010 wurde der Betrieb auf sie überschrieben. Andy Ruch trat in den letzten sechs Jahren kürzer, widmete sich neuen Projekten, unter anderem der Realisierung des Wärmeverbunds Walke und dem Umbau des einstigen Industriebetriebs Walke in ein modernes, stilgerechtes Mehrfamilienhaus mit freundlichen, grosszügigen Seniorenwohnungen. Gleichzeitig begleitete er seine Söhne als Coach, „denn das brüderliche Verhältnis sollte natürlich nach wie vor bleiben, gleichzeitig aber wurden sie Geschäftspartner.“ Beides habe Platz und „auch sie wurden ein Dream-Team“. 2016 wurden alle Aktien auf Thomas, Christoph und Daniel Ruch überschrieben.

Andy Ruch trat 2019 in Pension, Therese Ruch folgt ihm jetzt in ihre Früh-Pensionierung. Feste Pläne hätten sie keine, sagen beide. Andy Ruch ergänzt: „Projekte aber schon“; unter anderem der Ausbau des Wärmeverbunds Woodwarm. Mit seinen verschiedenen Vorhaben ist auch das neue Wirkungsfeld für Therese Ruch gegeben.

Schwiegertochter Monika Ruch, die ebenfalls im Familienbetrieb
mitarbeitet, überreicht Therese Ruch einen Blumenstrauss.